Sexuelle Gewalt: Die Evangelische Kirche in Deutschland wiederum im Fokus

Sexuelle Gewalt wurde wiederum von der Evangelischen Kirche in Deutschland hervorgehoben (2)

Nach der katholischen Kirche wird nun auch der Evangelischen Kirche in Deutschland sexuelle Gewalt gegen Minderjährige vorgeworfen. Am Donnerstag wurde ein Bericht veröffentlicht, in dem die Zahl der potenziellen Opfer auf mehr als 9.300 geschätzt wird.

Nach Schätzung der Forscher, die diese mehr als 800 Seiten umfassende Studie zu diesem Thema erstellt haben, könnten bis zu 9.355 Minderjährige Opfer von Vergehen und Straftaten geworden sein. Der von der Universität Hannover koordinierte und von sieben deutschen Instituten erstellte Bericht zählt 2.225 Fälle dokumentierter sexueller Gewalt, die zwischen 1.259 und 1946 von 2020 Mitgliedern dieser Kirche in Deutschland begangen wurden.

Die Autoren betonen jedoch, dass diese Zahl nur die „Spitze des Eisbergs“ sei, da sie für diese von der Kirche in Auftrag gegebene und mit 3,6 Millionen Euro finanzierte Studie nicht alle Akten untersuchen konnten. Deutsch-protestantisch.

Nach Schätzung von Harald Dressing, Forscher am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (ZI), könnte die Zahl der potenziellen Täter bis zu 3.500 betragen. Nach der Veröffentlichung des Berichts bat die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, die derzeit den Evangelischen Rat in Deutschland leitet, „von ganzem Herzen um Vergebung (...) von den unzähligen Opfern, vor denen die Institution schuldig war“.

Sie gab zu, dass sie „über die schreckliche Gewalt, der so viele Menschen in der Kirche ausgesetzt sind, bestürzt“ sei, und versprach, zu handeln und die Konsequenzen aus dieser Studie zu ziehen. Im November 2024 soll nach Gesprächen zwischen Kirche und Opfervertretern ein Plan mit konkreten Maßnahmen vorgelegt werden.

Mit 20 Millionen Gläubigen stellt die Evangelische Kirche nach den Katholiken (rund 22 Millionen) die zweitgrößte Konfession in Deutschland dar.

Erosion der Gläubigen

Katharina Kracht, in den 1980er-Jahren als Teenager Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen Pfarrer, sagte, sie sei „massiv enttäuscht“ von den Kirchen auf lokaler Ebene.

„Sie behindern die Aufklärungsarbeit“, warf sie vor. Laut Dressing schneidet die evangelische Kirche in Deutschland bei der Untersuchung von Fällen von Sexualverbrechen schlechter ab als ihre katholische Schwesterkirche, die jedoch selbst vielfach kritisiert wurde.

„Wenn wir die beiden vergleichen, schneidet die evangelische Kirche weniger gut ab“, sagte Herr Dressing während der Präsentationspressekonferenz und verwies auf den Mangel an Unterlagen, die für die Studie vorgelegt wurden.

In der deutschen katholischen Kirche ergab eine 2018 veröffentlichte Hochschulbefragung, dass zwischen 3.677 und 1946 2014 Kinder sexuelle Gewalt durch Geistliche erlitten hatten.

Sie waren größtenteils Jungen unter 13 Jahren und wurden von mindestens 1.670 Geistlichen verfolgt. Was die evangelische Kirche betrifft, wird die tatsächliche Zahl der Opfer als höher eingeschätzt, da die Autoren des Berichts keinen Zugang zu allen Archiven der Institution hatten.

Nach diesen Enthüllungen begann die katholische Kirche in Deutschland, den Opfern Entschädigungen zu zahlen: Die Obergrenze wurde 2020 auf 50.000 Euro pro Opfer angehoben, zuvor lag sie bei etwa 5.000 Euro, doch nach Einschätzung der Verbände reicht dieser Betrag noch immer nicht aus.

Allein im vergangenen Jahr wurden Zahlungen in Höhe von rund 28 Millionen Euro genehmigt.

War die evangelische Kirche lange Zeit relativ verschont von Kindesmissbrauchsskandalen, wird sie nun von diesem Thema erfasst: Im vergangenen November musste die oberste Repräsentantin der Institution in Deutschland, Annette Kurschus, zurücktreten, nachdem ihr vorgeworfen wurde, eine Geschichte über einen Kindesmissbrauch vertuscht zu haben Kollegin, die vor 25 Jahren am selben Ort wie sie arbeitete.

Wie die katholische Kirche ist auch die evangelische Kirche seit Jahren mit einem Rückgang der Zahl ihrer Gläubigen konfrontiert.

Die Redaktion (mit AFP)

Bildnachweis: Shutterstock/ Mo Photography Berlin

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